Es wird Zeit, mal so richtig alles aus sich rauszuholen

Damit eines von vornherein klar ist: Gennadij Cudinovic spricht man so aus: Genadi Tschuh-di-nòwwitsch. Das musste einmal gesagt werden. Denn: „Es wäre echt cool, wenn mal jemand meinen Familiennamen richtig ausspricht“, lacht der 25-jährige Sportpolizist und Bundesliga-Ringer des AC Heusweiler.

Bis 2019 ging er noch für seinen Heimatverein, Ligakonkurrent KSV Köllerbach, auf die Matte. Im April dieses Jahres wurde Cudinovic, der mit seiner Familie kurz nach der Jahrtausendwende aus Kasachstan nach Deutschland kam, Achter bei der EM im rumänischen Bukarest.

Der Freistil-Experte war noch Grundschüler, als ihn sein älterer Bruder mit zum Training des KSV Köllerbach schleifte. „Dann habe ich das halt gemacht“, blickt er anscheinend emotionslos auf den Beginn seiner Leistungssportkarriere zurück. „Mein Bruder war Judoka und wollte wohl nicht, dass ich auch Judo mache. Deshalb hat er mich wohl dorthin gebracht“, flachst Cudinovic. Ernsthaft nach dem Grund befragt, weshalb er dem Ringersport fortan treu blieb, stockt er kurz. „Das ist eine gute Frage“, sagt er und ergänzt nach kurzer Denkpause: „Ich konnte mit meinen Freunden immer wieder Kräfte messen und mit ihnen konkurrieren. Das hat einfach Spaß gemacht.“ Immer öfter ging Gennadij als Sieger hervor, immer weiter entwickelte er sich zum Sportler.

Um im Ringen erfolgreich zu sein, braucht man nahezu alles, was Sport im Allgemeinen verlangt: „Du brauchst Kraft, Kondition, Schnelligkeit, du musst mit dem Kopf arbeiten können, konzentriert sein und eine kurze Reaktionszeit haben. Nur eines davon zu können, reicht nicht“, weiß Cudinovic. Sein Glück: Er ist hochtalentiert und kann das. Anders wäre eine Karriere als Leistungssportler nicht möglich gewesen: „Ich bin eher der faule Typ“, gibt er lachend zu und ergänzt: „Ich profitiere auch viel von meinem guten Körpergefühl, also einem gewissen Talent. Deshalb habe ich schon oft den Satz gehört: ‚Du könntest noch mehr aus dir rausholen.‘“

Ob er dies auch von seinen Kollegen in der Sportfördergruppe der Polizei zu hören bekommt, ist nicht überliefert. Wohl aber, dass ihm dieser Beruf nicht nur die perfekte Grundlage für die Ausübung des Leistungssports bietet, sondern auch Spaß macht: „Man hat den ganzen Tag mit Menschen zu tun, es ist sehr abwechslungsreich und man deckt ein sehr breites Spektrum an Tätigkeiten ab. Im Moment ist alles gut, so wie es ist“, findet Cudinovic. Vor allem mit Blick in die Zukunft. Irgendwann ist die Sportkarriere einmal zu Ende. Bis dahin will der 25-Jährige aber noch zwei Olympia-Zyklen absolvieren – also nicht vor 2028 aufhören.

Schon jetzt hat er viel erreicht – trotz seiner angeblichen Faulheit. Sein persönlich wichtigster Erfolg ist seine erste Medaille bei einer Europameisterschaft. 2014 holte er bei der Junioren-EM Bronze. 2017 wiederholte er diesen Erfolg bei der U23-EM. Der Übergang aus dem Nachwuchsbereich zu den Herren fiel aber auch dem Toptalent nicht leicht: „Die Einführung der U23-Regelung war dafür schon eine gute Sache. Der Übergang war schon nicht ganz einfach, aber rückblickend hat er ganz gut geklappt“, findet er. Das ist auch gut so, schließlich hat er noch einiges vor. Das größte Ziel sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Daran darf er nur sicher teilnehmen, wenn er bei der nächsten Weltmeisterschaft unter den ersten Fünf landet. Vorher muss er sich bei der Deutschen Meisterschaft für die WM-Teilnahme qualifizieren. Auch für die Europaspiele, die European Games, im Juni 2019 in der weißrussischen Hauptstadt Minsk ist er nominiert.

Die internationale Konkurrenz ist groß – vor allem, seit starke russische Athleten für eher schwächere Länder wie Spanien oder Italien an den Start gehen. „Früher waren Mazedonier oder Armenier quasi wie ein Freilos. Heute steht da ein Russe vor einem, gegen den man sechs Minuten ums Überleben kämpfen muss“, veranschaulicht das 1,87 Meter lange und 97 Kilo schwere Kraftpaket. Vielleicht ist endlich einmal die Zeit gekommen, dass das große Talent mal wirklich alles aus sich rausholen muss.