Ein Mann, der noch Träume hat

Als Zehnjähriger nahm Richard Ringer spontan an einem 800-MeterLauf teil. Ohne Training landete der junge Mann aus Unteruhldingen am Bodensee auf Anhieb auf Platz drei. „Das fand ich natürlich ganz cool und bin dann in den Leichtathletik-Verein eingetreten“, erinnert sich der heute 30-Jährige. mittlerweile gehört er zu den besten 10.000-Meter-Läufern Europas und läuft seit Januar 2019 für den LC Rehlingen.

Nach dem Eintritt in seinen ersten Leichtathletik-Verein wurde die anfängliche Euphorie zunächst jäh gedämpft: „Ich habe schnell festgestellt, dass ich weder werfen noch sprinten oder springen kann. Nur Laufen klappte ganz gut“, erzählt Ringer schmunzelnd. Er fand Anschluss an eine Laufgruppe, mit der er fortan trainierte – parallel zum Fußballtraining, „wie man das als Junge halt so macht“, sagt er und lächelt. Seit dem Wechsel zur Laufgruppe seines früheren Trainers Eckhardt Sperlich im Jahr 2003 konzentriert sich Ringer nur noch auf das Laufen. Wo dabei seine Stärken lagen, war schnell klar: „Als Kind konnte ich schon ohne größere Probleme 3.000 Meter laufen. Je länger ich lief, umso besser fühlte es sich an. Ganz ohne Qual oder Schmerzen“, erklärt Ringer. Mit der Anzahl der Erfolgserlebnisse stieg die Motivation, weiterzumachen und immer besser zu werden. Diesen Antrieb verspürt Ringer noch heute. Er ist so stark, dass sich der 30-Jährige zutraut, ohne Trainer auszukommen. 2018 trennten sich seine Wege und die des erfahrenen Eckhardt Sperlich und Ringer machte alleine weiter. „Ich konnte ja schon über viele Jahre Erfahrung sammeln und ich wollte ein paar Dinge ändern. Ich bin ein Mensch, der sehr stark auf seinen Körper hört“, berichtet Ringer. „Ich wollte auch meine Trainingstage freier gestalten. Allerdings habe ich auch sehr viel von meinem früheren Trainer übernommen.“ Die größte Bestätigung des eingeschlagenen Wegs war der Sieg über 10.000 Meter beim Europacup in London 2018 mit der viertbesten je von einem Deutschen gelaufenen Zeit (27:36,52 Minuten). „Das hat mir gezeigt, dass meine Entscheidung richtig war, und gab mir Selbstvertrauen“, sagt Ringer. Nur eine Verletzung verhinderte seine Teilnahme an der Europameisterschaft, bei der in seiner Abwesenheit jene Konkurrenten auf dem Podium standen, die er in London schlagen konnte. Ringer coacht auch erfolgreich seine Freundin, die österreichische Athletin Nada Ina Pauer.

Der 3.000-Meter-Europameister von 2014 und 2015 und mehrfache Deutsche Meister zählt seine Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro zu seinen wichtigsten Erfolgen als Sportler: „Es ist schon ein tolles Gefühl, im Nationaltrikot zu laufen und es dann auch noch auf das Podest zu schaffen“, sagt Ringer. „Aber als ich meinen Namen auf der Nominierungsliste für die Olympischen Spiele lesen durfte, ging ein Traum in Erfüllung, den ich schon seit Kindheitstagen verfolgt hatte.“ Dieses Gefühl will er ein zweites Mal erleben – und zwar vor den Olympischen Spielen in Tokio 2020. Wobei aus dem Kindheitstraum fast schon „normales“ Ziel geworden ist. „Träume habe ich aber immer noch“, lenkt Ringer ein: „Zum Beispiel eine Platzierung unter den besten Acht bei Olympia. Dafür muss aber wirklich alles passen“, sagt er mit Blick auf die nahezu unerreichbare Konkurrenz aus Afrika. Trotzdem: Vor drei Jahren hat sich schon einmal einer seiner schier unerreichbaren Träume erfüllt. Wieso soll dies nicht noch einmal klappen?