„Ganz vorne stehen die Athleten!“

Prof. Dr. Klaus Steinbach ist eine echte Saarsport-Persönlichkeit. Nun steht er vor einer neuen Herausforderung. Nach seiner Wahl in den Vorstand der Sportstiftung Saar durch das Präsidium des Landessportverbandes (LSVS) wurde Steinbach Mitte Februar 2019 vom Stiftungs-Vorstand zum Vorsitzenden gewählt.

Seit 1969 lebt der in Kleve am Niederrhein geborene frühere Weltklasse-Schwimmer im Saarland. Er kam als Gründungsmitglied der DSV-Schule „Max Ritter“ nach Saarbrücken. Seit 1992 ist der Facharzt für Orthopädie sowie für Physikalische und Rehabilitative Medizin Chefarzt der Hochwald-Kliniken in Weiskirchen und seit 1997 zudem Ärztlicher Direktor. Als Sportler wurde er 1975 Staffel-Weltmeister (4x200 Meter), mehrmals Europameister und holte bei den Olympischen Spielen 1972 in München eine Silber- und 1976 in Montreal eine Bronzemedaille. Für seine sportlichen Erfolge wurde Steinbach mit dem silbernen Lorbeerblatt geehrt. Nach seiner aktiven Karriere übernahm er zahlreiche Ämter und Funktionen im Sport, war Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland (2002 bis 2006) und Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaften (2000 bis 2006). Seit 2003 gehört er zur medizinischen Kommission des IOC und steht der entsprechenden europäischen Kommission seit 2009 vor. Steinbach wurde aufgrund seines Engagements mit unterschiedlichsten Ehrungen und Preisen ausgezeichnet – zuletzt mit der „Goldenen Sportpyramide“ der Deutschen Sporthilfe für sein Lebenswerk. Im April 2017 erhielt er den Saarländischen Verdienstorden. Nun steht er vor einer neuen Herausforderung. Nach seiner Wahl in den Vorstand der Sportstiftung Saar durch das Präsidium des Landessportverbandes (LSVS) wurde Steinbach Mitte Februar 2019 vom Stiftungs-Vorstand zum Vorsitzenden gewählt.

Herr Prof. Steinbach, Sie sind jetzt Vorsitzender der Sportstiftung Saar. Wie kam es dazu?

Prof. Dr. Klaus Steinbach: Meine Verbindung zum saarländischen Sport war immer schon eng und intensiv. Im Zuge der Neuausrichtung des LSVS haben mich dessen neuer Vizepräsident Gottfried Hares und auch der bisherige Vorsitzende Gerd Meyer diesbezüglich angesprochen. Nach Abstimmung mit der Stiftung Deutsche Sporthilfe, bei der ich seit vielen Jahren Mitglied des Aufsichtsrates bin, habe ich mich dazu entschlossen, diese Funktion zu übernehmen. Es geht darum, die Koordination zu verbessern, zu optimieren. Und darum, sich gegenseitig zu unterstützen, mit dem Ziel, die Sportlerinnen und Sportler und damit das Wohl des Sports wieder in den Fokus zu rücken. Das war und ist auch meine Prämisse bei allen Ämtern und Funktionen, die ich bekleiden darf: Ganz vorne stehen die Athletinnen und Athleten. Die sind aufgrund der Entwicklungen beim LSVS in den vergangenen anderthalb Jahren ziemlich zu kurz gekommen.

Was genau brauchen die Athletinnen und Athleten Ihrer Meinung nach?

Steinbach: Sportler brauchen Planungssicherheit. Ich möchte mit dem Amt im Vorstand der Sportstiftung Saar dazu beitragen, dass diese so schnell wie möglich wiederhergestellt wird. Es ist klar, dass die Planungssicherheit nicht nur von der Sportstiftung gegeben werden kann. Aber sie ist ein Baustein, um die Fragezeichen, die sich in der Sportförderung – insbesondere der Spitzensportförderung – aufgetan haben, wieder in Ausrufezeichen zu verwandeln. So, wie es für das Saarland eigentlich typisch ist.

Wie sehen Sie die Sportförderung im Saarland?

Steinbach: Sie hat eine positive Tradition und diese gilt es fortzusetzen. Natürlich gilt es dabei auch den Firmen und Sponsoren, die das Gründungskapital der Sportstiftung gestellt haben und auch jährlich ihren Förderbeitrag leisten, wieder klarzumachen, wie wichtig und richtig das ist, was sie tun. Wir wollen hier auch den einen oder anderen neuen Partner für uns gewinnen. Mit den Personen, die dem Vorstand und jenen, die dem Stiftungsrat angehören, ist das gut möglich. Hier werden wir schnellstmöglich eine Strategie festlegen und alsbald mit der Arbeit loslegen. Bis zu den olympischen Sommerspielen in Tokio bleibt nicht viel mehr Zeit als ein Jahr.

Sie tragen schon so viel Verantwortung – beruflich wie auch ehrenamtlich. Wieso tun Sie sich noch eine weitere wichtige Funktion an?

Steinbach (lacht): Von antun kann man hier wirklich nicht sprechen. Es handelt sich um ein ehrenamtliches Engagement, von dem ich leidenschaftlich überzeugt bin. Und es gibt viel zu tun. Aufgrund meiner langen Erfahrung aus dem Spitzensport und aus der Organisation von Spitzensport – aber auch mit Blick auf den Breiten- und den Behindertensport – weiß ich, wie wichtig es ist, gute Verbindungen zu unterschiedlichen Akteuren zu haben. Diese gilt es zu vertiefen und das Vertrauen aufzubauen, dass wir mit finanziellen Mitteln zuverlässig umgehen und sie tunlichst an den richtigen Stellen platzieren.

Dies erscheint vor dem Hintergrund der LSVS-Finanzkrise für den Saarsport wichtiger denn je zu sein. Wie bewerten Sie diesbezüglich die Neustrukturierung des LSVS?

Steinbach: Ich habe den Eindruck, dass jetzt die richtigen Personen den Landessportverband führen. Es ist natürlich eine Herkules-Aufgabe, einen Verband zu übernehmen, der in einer Krise steckt. Einer Krise, die auch sehr stark medienbefeuert ist, aber die zum Zeitpunkt der Wahl des neuen Präsidiums noch nicht ausgestanden war. Im Grunde wurden den neuen Leuten die alten Probleme in den Schoß gelegt.

Sie wurden zwischenzeitlich sogar als Präsidentschafts-Kandidat gehandelt.

Steinbach: Damals hatte ich für mich die Idee, den „alten“ LSVS – wie es in Wirtschaftskrisen nicht selten gemacht wird – in eine sogenannte „bad bank“ zu überführen, um alles gewissenhaft aufzuarbeiten. Allerdings nicht durch ein neu gewähltes Präsidium. Das neu gewählte Präsidium sollte nach meiner damaligen Auffassung einen möglichst sauberen Start haben, weil es für das, was vorher war, nicht direkt in Verantwortung zu nehmen ist. Es kam dann jedoch anders und bei der limitierten Zeit, die mir zur Verfügung steht, und unter den Voraussetzungen war es für mich nicht der richtige Zeitpunkt, tiefer über ein verantwortungsvolles und sehr zeitintensives Amt beim LSVS nachzudenken. Es soll allerdings nicht der Eindruck entstehen, dass ich mich hier dauerhaft wegducke. Im Gegenteil. Ich übernehme Verantwortung und leiste meinen Beitrag, indem ich die Herausforderungen, die mir und den Vorstandsmitgliedern bei der Sportstiftung zufallen, angehe.

Wie bekommen Sie Beruf und Ehrenämter eigentlich unter einen Hut?

Steinbach (lächelt): Es gehört ja zu meiner Freizeit-Beschäftigung, dass ich nicht nur fleißig Sport treibe, sondern dass ich mich auch für den Sport engagiere. Das mache ich gerne. Ämter, die ich nicht gerne mache, nehme ich auch nicht an. Ich glaube, dass wir mit der Mannschaft, die nun zusammenkommt, viele Synergien nutzen können. Dabei geht es um die Vernetzung in die Wirtschaft – wie beispielsweise durch Gottfried Hares – und die Vernetzung im Sport durch meine Person. Nicht nur wir beide kommen mit einer seriösen Glaubwürdigkeit zu unseren Partnern. Ich hoffe, das ist vertrauensbildend. Auch wenn die Sportstiftung selbst in keinster Weise in der Kritik steht, wird derzeit vieles gerne in einen Topf geworfen.

Sie sind Arzt. Der LSVS ist derzeit Patient. Wie kann der LSVS schnellstmöglich gesund werden?

Steinbach: Entscheidend ist, dass die Untersuchungen möglichst zügig, vielleicht schon in diesem Jahr, abgeschlossen werden. Ich hoffe, dass diejenigen, die es betrifft und jene, die das Ganze vorantreiben, daran interessiert sind, klare und ehrliche Lösungen zu finden. Damit meine ich sowohl die Ankläger-Seite als auch die der Angeklagten. Noch ist es ja zu keiner Gerichtsverhandlung gekommen. Aber je öfter immer neue Aspekte – seien sie auch noch so marginal –groß aufgemacht werden, sagt sich der geneigte Medien-Konsument, der sich nicht in der Tiefe informiert, irgendwann: Da muss ja was dran sein. Von allen Seiten muss die Bereitschaft bestehen, den LSVS jetzt nicht noch über Jahre in einer ungeklärten Situation zu lassen und jedes noch so kleine Problem zu einem großen aufzubauen, sondern klare, faire und gerechte Entscheidungen zu treffen, damit der Landessportverband mit diesem Thema abschließen und sich der Zukunft widmen kann. Da vertraue ich der saarländischen Justiz. Hier ist das aktuelle Präsidium sehr gefordert, obwohl es die Situation nicht zu verantworten hat.

Welches Rezept könnten Sie ausstellen?

Steinbach: Hier gefällt mir der Slogan der Stiftung Deutsche Sporthilfe sehr gut: „Leistung. Fairplay. Miteinander.“ Natürlich steht Leistung im Spitzensport ganz weit oben. Aber im Umgang miteinander fair zu sein – auch mit der Maßgabe des dopingfreien Sports – und ein Miteinander zu pflegen, das gegenseitige Unterstützung in den guten, aber auch den schweren Zeiten bedeutet, ist ebenfalls ganz wichtig. Aus dem Sport heraus müsste diese Botschaft wieder ein Signal für die Gesellschaft werden. Hierfür sind die Selbstreinigung – oder die Selbstheilung – sowie eine Neuausrichtung notwendig. Es muss im Interesse aller sein – der Politik, der Gesellschaft, der Organisation des Sports, dass sich der saarländische Sport nach außen hin positiv darstellt.

Dazu beitragen kann in nicht unerheblichem Maß der Spitzensport. Was wollen und können Sie für diesen tun?

Steinbach: Wenn wir den Spitzensport fördern wollen, müssen wir die wenigen Optionen, die wir haben, ganz genau anschauen und dann überlegen, an welcher Stelle wir helfen können und an welcher Stelle wir die Hilfe brauchen. Und das, bevor uns die saarländischen Talente und Spitzenkräfte in Richtung anderer Standorte verlassen. Die Rahmenbedingungen für Spitzensport im Saarland sind hervorragend. Es gibt wenige Sportschulen in Deutschland, die so gut dastehen wie unsere. Der Anschluss zur Universität, zur BSA-Akademie, zur Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement, die Nähe zur Eliteschule des Sports … Ein Topathlet kann hier wohnen und alles, was ihn betrifft, auf dem Fußweg erledigen. Es ist alles da. So etwas gibt es ganz selten, aber das wissen nur die Wenigsten. Unsere Aufgabe ist es deshalb auch, dies über die Landesgrenzen des Saarlandes hinaus bewusster bekanntzumachen. Nicht nur in diesem Zusammenhang ist es höchst bedauerlich, dass wir trotz einer 50-Meter-Schwimmhalle nicht zu einem Bundesstützpunkt des Deutschen Schwimmverbandes geworden sind. Hier lässt sich mit Sicherheit einiges bewegen und ändern, aber das wird ein paar Jahre brauchen.